Was geschieht – Kürzestgeschichte

Noch eine Woche.

Was ist heute für ein Tag? Dienstag: noch 6 Tage. Ich muss sie geniessen. Der nächste Montag kommt.

Jeden Morgen sehe ich auf’s Handy: Sehe auf’s Datum und hoffe, dass die Zeit nicht vergeht.

Sonntagmorgen sehe ich auf’s Handy. Es ist zehn. So früh bin ich schon ewig nicht mehr aufgestanden. Seit 3 Monaten nicht mehr.

In der Küche: eine Uhr. Über dem Backofen. Neben dem Autolenkrad.

Wir essen zu Mittag. Fleisch, Kartoffeln, Bohnen. Sonntagsmenu. Und alles woran ich denken kann, ist morgen. Ich male mir aus, wie ich los radle, bald den Hügel hoch. Das Fahrrad im Erdgeschoss des Parkhauses abstelle. Wie ich zum Eingangsbereich marschiere. Den Blick geradeaus gerichtet, links und rechts ist nichts. Die Beine so schwer, dass ich sie kaum spüre. So wird es sein.

»Andreas?« Mein Vater sieht mich fragend an.

»Hm?«

Er spricht und ich versinke erneut in Gedanken.

Die Frau am Empfang lächelt freundlich. Ich versuche zurückzulächeln, aber wie soll das aussehen, wenn man derart nervös ist?

»Grüezi«, sage ich in Gedanken. Meine Stimme. Warum zittert sie immer? »Ich trete heute meine Stelle als Zivildienstleistender an … Ich soll hier nach … Herrn Anton Kunz verlangen.« Ich schlucke leer, irgendwo, mitten im Satz.

Die Frau nickt und sagt: »Ich ruf ihn gleich an, nehmen Sie doch kurz Platz.«

Sie zeigt auf einen Wartebereich. Ich setzte mich auf den hintersten Stuhl in der Ecke und mein Körper bebt. Der Mund trocken, die Zunge klebt am Gaumen. Wie soll ich so sprechen können?

Noch ist es nicht soweit. Noch bin ich frei. Wir steigen ins Auto. Zu fünft, zu sechst, wenn man den Hund dazuzählt. Wir fahren an den Soppensee. Wir laufen drumherum. Ich atme die frische Luft ein. Die Gespräche der andern ziehen an mir vorbei.

Herr Anton Kunz wird kommen. Er wird mir die Hand reichen und ich werde von meinem Stuhl aufspringen und mich vorstellen. Und mich fragen, ob ich ihn duzen oder siezen soll. Und es wird furchtbar kompliziert sein. Und irgendwann danach muss ich ihm noch sagen, dass ich ihn kenne, weil meine Eltern das so wollen. Wir kennen uns, sage ich dann und versuche erneut ein Lächeln. Er wird sich hoffentlich wundern und fragen: Woher? Ich werde erwidern: Wir waren Nachbarn, aber ich war noch ein Baby. In der Bergstrasse. Er wird verstehen und ebenfalls lächeln. Hoffe ich zumindest.

Weiter reicht meine Vorstellungskraft nicht.

Ich liege abends im Bett. Frühzeitig, morgen muss ich um halb acht auf. Um acht da sein. Ja nicht zu früh.

Wieso liege ich schon im Bett? Ich wollte den Tag doch verlangsamen. Es ist mir misslungen. Sportpanorama schauen, Zeitung lesen, Abendessen. Alles Vergangenheit.

Ich kann nicht schlafen. Natürlich nicht.

Die Szenen wiederholen sich in meinem Kopf. Bei jeder Wiederholung bin ich überzeugter, dass das, was ich sagen werde, dumm ist. Und verzweifle, weil mir nichts Gescheiteres einfällt.

Bin ich um vier Uhr eingeschlafen? Habe ich überhaupt geschlafen?

Es ist wie Schlafwandeln.

Mama redet mit mir. Ja. Aber was?

Ich gehe ins Bad. Tatsächlich. Nun ist es so weit. Ich schau nochmal auf’s Handy. Das Datum: Ja, es stimmt. Das Fahrrad: Es ist echt. Den Hügel: Rauf, ja. Das Krankenhaus mit dem Parkhaus. Dorthin stellen, ja. Wie ich’s mir ausgemalt habe.

Da steht ein Mann beim Empfang. Keine Frau?

Ich stammle meine Worte.

Er schenkt mir einen aufmunternden Blick und bittet mich im Wartebereich Platz zu nehmen.

Herr Anton Kunz läuft den Gang entlang. Ich spiele noch ein letztes Mal die Worte durch. Er hält an. Anton Kunz lehnt sich gegen die Wand. Und meine Nervosität schwindet, wird durch ein anderes Gefühl ersetzt. Anton Kunz greift sich an die Brust. Reisst den Mund auf. Eine Frau rennt zu ihm.

Der Mann vom Empfang schaut mich an, die Stirn in Falten gelegt. Ich zeige auf Anton Kunz. Er kommt hinter seiner Theke hervor, ruft: »Scheisse.«

Der Mann vom Empfang tippt eine Nummer ins Telefon. Hält sich den Hörer ans Ohr.

Geschieht das wirklich?, frage ich mich.

 

 

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