Vom Sterben – Kürzestgeschichte

Im selben Urlaub lernte ich schwimmen. Ich finde, das sollte gesagt sein.
Mamas Eltern schrieben Papa eine SMS. Ruf Zuhause an, stand darin. Ich wusste, etwas stimmt nicht. Papa ging nach oben ins Zimmer und Mama folgte ihm nach einer Weile.
Papa telefonierte lange.
In der Zwischenzeit sassen meine Brüder und ich auf dem Sofa. Ich redete ununterbrochen auf sie ein, während durch die düstersten Gänge meines Gehirns diese eine Frage geisterte: Was ist nur los?
Papa stiess die Türe auf. Er sah uns nicht an, als er die Treppe herunterstieg. Auf dem untersten Tritt blieb er stehen. Wir sahen ihn ängstlich an. »Opa … ist gestorben.« Papas Stimme: leise und brüchig.
Hätte da nicht ein Schmerz sein sollen? Alles, was ich spürte, waren die Schultern meiner Brüder an meiner.
Vier Tage früher als geplant, bestiegen wir den TGV zurück in die Schweiz.

***

Papas Mama backte uns immer Kuchen, wenn wir sie besuchten.
Meine Brüder und ich sassen jeweils auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. Wir richteten unsere Blicke starr in die »Schweizer Illustrierte«. Wenn wir etwas gefragt wurden, antworteten wir einsilbig und schauten nicht auf.

Eines herbstlichen Tages fuhren wir am Haus von Papas Mama vorbei. Wir waren gerade auf dem Rückweg von einem Familienausflug. Papa fragte: »Wollt ihr Oma besuchen?« Nein, erwiderten wir im Chor.

Einige Wochen später erzählte mir Mama, vor dem Kochherd stehend, Papas Mama habe einen Schlag erlitten. Mamas Blick zeigte, wie traurig ich darüber sein sollte.

Bald besuchten wir Papas Mama zum ersten Mal. Sie wohnte im Altersheim und wusste meinen Namen nicht mehr. Ihr Gesicht war so grau: Das werde ich nie vergessen.

Einmal parkten wir vor dem Altersheim und Mama stellte meine Brüder und mich vor die Wahl: Kommt mit und besucht Oma. Oder: Lauft nach Hause. Nach einer halben Stunde Fussmarsch waren wir Zuhause.

Zwei Tage später betrat Mama mein Zimmer. Ich spielte Minecraft und hörte Gangsterrap. »Oma … ist gestorben«, sagte Mama. Ich nickte. Ich spielte weiter.

***

Jetzt ist Mamas Papa krank.
Angefangen hat es damit, dass er in eine Strassenlaterne fuhr.
Von da an stieg er nie mehr in sein Auto und fehlt seither bei jedem Familienfest, das nicht in seinem Haus stattfindet.
Wochen darauf erzählte mir Mama, wieder vor dem Kochherd stehend, ihr Papa habe Parkinson. Sie sprach, als wäre ich längst darüber informiert. War ich nicht.

Früher sah ich Mamas Papa jeden Mittwochnachmittag. Jetzt sehe ich ihn nur noch monatlich, weil ich mittwochnachmittags zur Schule muss. Und ich bin froh darüber, sagt mir manchmal eine feine Stimme im Kopf. Du musst die emotionale Bindung zu ihm auflösen, sagt sie.
Und jedes Mal wenn wir Mamas Papa besuchen, zittert seine Hand stärker, wie er die Gabel zum Mund führt.
Und jedes Mal wenn wir ihn besuchen, muss Mama mit ihrer Mama einkaufen gehen.
Und jedes Mal wenn wir ihn besuchen, redet Mama ununterbrochen und ich rede auch viel mehr als normal.
Und jedes Mal wenn wir ihn besuchen, kann ich den Gedanken nicht vertreiben, dass er bald tot sein wird.

***

Mamas Mama … nein. Nein, es reicht. Irgendwann ist doch genug. Oder nicht?

 

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