Allein – Kürzestgeschichte

Ich gehe ja schon.
Schlussendlich bleibt es immer an mir hängen.
Ich war heute noch nicht draussen und weiss, dass mir das schadet.
Snoopy zieht den Kopf ein, die spitzen Ohren liegen eng an. Er weicht ein paar Schritte zurück. Armer Hund, denke ich und zwänge ihn ins Geschirr.
Wenn wenigstens jemand mitgekommen wäre. Ich meine, mein Bruder hätte doch Zeit. Er müsste sich jetzt nicht im Schweizer Fernsehen diese Sendung anschauen, die ich SVP-Propaganda nenne. Wir könnten uns auf dieser Ebene unterhalten, dieser Ebene abseits von jeglichem Ernst. Aber er will nicht.
Draussen ist es dunkel. Die kalte Herbstluft drückt auf meine Schläfe. Ich ziehe die Nase hoch. Verlasse schnellen Schrittes das Quartier, nicht dass mir noch jemand begegnet, den ich kenne. Erst als ich die letzten Häuser einige Meter hinter mir gelassen habe und über den leeren Golfplatz schreite, gehe ich langsamer.
Ich fühle mich geborgen in der Dunkelheit. Sie schützt mich vor den Blicken anderer. Macht mich unsichtbar. Ich bin gerne unsichtbar.
Doch heute stellen sich die angenehmen Gedanken nicht ein. Dafür sind meine Sinne zu geschärft. Ich starre in die Dunkelheit. Da hinten das Licht: Ist es der Schein einer Taschenlampe? Ich lausche. Bin mir sicher, etwas gehört zu haben.
Die obligate Runde muss gemacht werden. Auch allein. Auch durch den Wald.
Hier zwischen den Bäumen: Überall könnte Bewegung sein. Sicher bin ich mir nie. Und da raschelt es, da knackt es. Tiere? Menschen? Bitte keine Menschen. Wenn ich hier einen Menschen sehe, nein, bitte nicht.
Schritte. Das sind doch Schritte? Hinter mir. Soll ich mich umdrehen? Ich gehe jetzt schneller, obwohl ich weiss: Es ist ein Zeichen von Schwäche. Von …
Ich stolpere. Über einen Ast? Was weiss ich.
Ich bleibe kurz liegen. Die Schritte. Ich höre sie nicht mehr. Ich drücke mich vom feuchten Boden hoch. Beide Hände im Gras. Beide Hände?
Wieso halte ich die Leine nicht? Ich hab sie nicht losgelassen. Ich lasse sie nie los. Ich …
Scheisse.
Snoopy? Ich sage seinen Namen erst leise, dann lauter, dann lauter, LAUTER. Ich gehe im Kreis, vergrössere den Radius stetig, aber immer wenn ich meine: Da ist er, ist er es nicht.
Sonst bleibt er immer stehen, wenn man die Leine fallen lässt.
Ich verlasse den Weg. Gehe tiefer in den Wald hinein.
Verloren. Ich hab ihn einfach verloren.

 

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